Im Alter von 20 Jahren verließ Rashne den Süd-Iran. Heute ist er 29 und hat seine Familie seitdem nie wieder gesehen. An den Hochzeiten seiner Schwestern nahm er nicht teil. Für ihn kommt eine Rückkehr nicht infrage, solange das Mullah-Regime an der Macht ist. „Im Iran lebt man nicht in Freiheit, das Land ist ein Gefängnis“, erzählt Rashne, der aus seinem dortigen Fußballteam gestrichen wurde, weil er nicht beten wollte. „Bei uns dreht sich alles um Religion“, erklärt er. Man könne nicht einmal mit seiner Freundin spazieren gehen. Die Polizisten verlangten nach den Ausweispapieren, und wer nicht verheiratet ist, würde festgenommen. Diese religiöse Allgegenwart erdrückt die Iraner und laut Rashne sind viele von ihnen die Religion „zunehmend leid.“

Wie alle anwesenden Demonstranten in Straßburg wartet er darauf, dass die internationale Völkergemeinschaft deutlich Stellung zur der Situation im Iran nimmt. Nach einer ersten Demonstration um 13:30 Uhr vor dem Europarat, war die Menge zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gezogen, vor dem man eine Sitzblockade mit Kerzen organisiert hat. Auf den Schildern der Demonstranten kann liest man Slogans wie: „Wir heißen alle Neda“, „Wo ist mein Wahlrecht?“, „Beenden Sie das Massaker im Iran“ oder auch: „Ahmadinejad ist nicht unserer Präsident“. Die Demonstranten „Yar-e Dabestani“ singen, ein Revolutionslied, das im Jahr 1979 von Studenten skandiert wurde, um gegen das despotische Schah-Regime zu protestieren.

Wir brauchen die internationale Völkergemeinschaft“, erklärt Shireen, die Sprecherin des Straßburger Kollektivs der Iraner. „Wie bitten sie darum, Ahmadinejad nicht als Präsident anzuerkennen. Und der Europäische Gerichtshof soll die Nichtachtung der Menschenrechte im Iran verurteilen“. Für die junge Frau ist der am Donnerstagvormittag von der parlamentarischen Versammlung des Europarats angenommene Bericht schon ein bedeutender Sieg. Es sei aber zu bedauern, dass er nicht „streng“ genug ist. Auch Shireen hat den Iran auf der Suche nach Freiheit verlassen. Im Jahr 1993 kam sie zu spät in die Uni – fünf Minuten zu spät. Sie setze sich auf die Seite für die jungen Männer, woraufhin sie eine muslimische Studentin aufforderte, sich einen anderen Platz zu suchen. Der Konflikt zwischen Gläubigen und Liberalen schlug in einen Tumult um. Ein paar Tage später wurde Shireen der Uni verwiesen, da man ihr die Verantwortung für die Auseinandersetzung zuschob. „Dieser Vorfall hat mich beeindruckt: Ich habe mich entschieden, das Land zu verlassen und nicht wieder zurückkehren, solang diese Regierung noch an der Macht ist“.

Wie für viele andere Flüchtlinge ist das Verlassen des Landes eine Überlebensfrage.

Nach der Revolution von 1979, die dem despotischen Schah-Regime ein Ende setzte, Papak etwa wanderte mit 18 Jahren nach Frankreich aus. Er ist Dirigent des Teheraner Sinfonieorchesters – der Beruf des Musikers ist dort jedoch nicht mehr erlaubt. „Mein Kopf sagt, dass Frankreich meine Heimat ist, aber mein Herz sagt es sei der Iran“, erklärt Papak. Auch er wird nicht zurückkehren. „Ich bin skeptisch bezüglich der Zukunft des Landes: Die Repression ist so stark. Die Zukunft liegt in den Händen des iranischen Volkes. Es allein kann das Regime wirklich stürzen.“ Rashne, der Fußballer hingegen ist hoffnungsvoll: „Zum ersten Mal seit 30 Jahren ist das Volk wieder vereint.“ Es ist fast 20 Uhr, als die Sonne vor dem Europäischen Gerichtshof untergeht. Die Demonstranten stehen auf. Einer von ihnen liest laut einen Unterstützungsbrief, der mit einem bekannten Satz von Ghandi endet: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Jeder singt zur Melodie der iranischen Volkshymne, „Ey Iran“ (die bereits während der iranischen Revolution gesungen wurde) und streckt die Arme nach oben : ein Zeichen der Hoffnung.

(Bild: Flickr/Simone. utzeri)